In der lebendigen Gegenwart ist kein Ego

Wenn ich mich jetzt wahrnehme, meine Gefühle, die Sinneseindrücke, wie ich mich hier empfinde, dann ist deutlich zu merken, dass hier keinerlei Entwicklung stattfindet oder stattgefunden hat. Es ist kein „Seinswachstum“ vorhanden. Nicht in der Form, dass mein Gesamtzustand und der meiner Welt, irgendwie anders wäre, als zu einem früheren Zeitpunkt (soweit ich mich erinnern kann).

Wenn ich Gedanken nur wahrnehme und ihnen keine Realität zuschreibe, ist einfach das da, was da ist. Hauptsächlich eben Sinnenseindrücke, Gedanken, Gefühle (und das Subjekt, das sich deren gewahr ist). Was sich ändert ist der Inhalt, je nachdem worauf sich die bewusste Aufmerksamkeit verlagert.

Alles was ich meine zu wissen oder erfahren zu haben, seien es konkrete Erfahrungen die ich gemacht habe oder Konzepte die ich in Büchern kennen gelernt habe, sind mir nur als Gedanken und Vorstellungen zugänglich. Selbst konkrete Erkenntniserfahrungen, wie etwa die des Zeugenbewusstseins, sind eigentlich Gedanken. Wenn ich „Zeugenbewusstsein“ nicht denke, ist da auch kein Zeugenbewusstsein.

Der Punkt ist: Was ist mir hier jetzt zugänglich? Nur das, was jetzt da ist. Irgendwas anderes, müsste ich mir buchstäblich herdenken. Was Selbsterkenntnis betrifft, habe ich kein Wissen, das ist der Punkt. Alles, was ich meine zu wissen, hält nur eine Egovorstellung aufrecht und zementiert die Kontrollabsicht.

Wenn ich damit aufhöre und einfach die lebendige Gegenwart ist- so nenne ich das jetzt mal – dann zeigt sich aber interessanterweise wieder sehr schnell ein Drang nachzudenken. In der lebendigen Gegenwart „bin ich nicht“, nur im Nachdenken existiere ich (das Ego).

Geschichte vom Besten

Etwas ist angenehm oder unangenehm. Eine Ursache wird gesehen. Das Angenehme wird angestrebt. Ich lerne zu vergleichen. Manche Dinge sind besser als andere. Was ist das Beste? Das ist es, was ich will.
Es braucht eine Konstante, die sich dorthin bewegt. Die bin ich.

Ich weiß nicht konkret, was das Beste ist und versuche mich anzunähern. Eine Sache ist klar: Das Beste ist jetzt noch nicht da (es war schonmal besser) und sinnvoll kann nur sein, was dem Besten dient. Was jetzt geschieht, hat nur insofern Relevanz, als es mich dem Besten näher bringt.
Alles andere ist unwichtig. Das Dampfen des Wasserkochers nach Gebrauch ist unwichtig. Den Dampf im Gesicht zu spüren ist unwichtig. Wichtig ist, was dem Besten dient. Dorthin muss alle Aufmerksamkeit.

Ich weiß nicht wirklich, was das Beste ist, aber ich habe so eine Vermutung. Ich habe eine Vorstellung und Erwartung. Und eine Sache weiß ich ganz bestimmt: Es war schon einmal besser.

Je länger ich suche, desto ähnlicher werden sich die Wege. Ich bin verbissen. Hier gibt es ja mittlerweile gar nichts mehr als Mühsal und Grau in Grau. Alles dient dem Besten. Wenn das der Preis ist, dann ist es so. Durchgerungen, durchgezwungen, wieder Punkte abgehakt. Besser wird es nicht.

Warum sind da keine Gefühle mehr? Warum ist mein Körper so leblos, meine Augen so schwach und starr. Warum ist da nichts Neues mehr, alles schon gesehen und gewusst. Die Menschen sind so fade, die Zeit vergeht so schnell. Ich brauche das Beste und das Beste braucht mich. Da ist gar nichts anderes.
Alles ist falsch.

Überall sind Werte. Werte durch Sinne, durch Gefühle, durch Bewegung. Werte der Wachheit. Ein buntes Feld. Es gibt hier nichts Besseres, weil nichts vergleichbar ist. Niemand kann hier besser werden. Zulassen ist gut, durchlässig sein. Frei und leicht strömen: Gefühle, Bewegungen, Worte. Nervosität ist gut. Freiheit ist gut. Ganz schwach werden ist gut. Mich verausgaben ist gut. Einfach so la-la sein ist auch gut. Meh. Einfach Meh. Ist dann alles gut? Nein, das Beste ist nicht gut. Weil es nicht wirklich ist. Wirklich, das ist gut.

Zuhören

Selbstbeobachtung stellt sich mit der Zeit von selbst ein, wenn ich ihren Wert erkannt habe. Ähnlich wie das Muskelgedächtnis beim Erlernen eines Tanzes bildet sich ein Verständnis heraus. Jeglicher formulierte Vorsatz und bewusste Absicht wirken hingegen immer blockierend und einschränkend und kommen letztlich aus dem Ego.

Selbstbeobachtung ist keine bestimmte, abgeschlossene Sache. Es ist genau so lebendig wie alle natürlichen Dinge.

Die Tage fiel mir noch ein weiterer Aspekt von Selbstbeobachtung auf, den ich „Zuhören“ nennen möchte. Der Begriff „Selbstbeobachtung“ hat etwas Passives und Abwartendes. Unter Zuhören verstehe hingegen ein Hinhorchen und Entdecken. Es geht mir jetzt nicht darum ein Konzept durch ein anderes zu ersetzen. „Selbstbeobachtung“ ist häufig ein passender Begriff, manchmal erscheint mir „Zuhören“ besser. Die Begriffe sind nur Zeiger.

Wenn ich beobachte bzw. zuhöre zeigen sich verschiedenste Impulse und Gedanken. Ich habe es schon ein paar mal geschrieben, trotzdem nochmal: Der Wortlaut und Inhalt der Gedanken ist unwichtig, entscheidend ist nur, woher sie kommen und ob ich sie festhalten will. Das Festhalten eines Gedankens und Gedanken über Gedanken sind Ausgeburt der kontrollierenden Instanz. Begleitet wird dies mit einem Empfinden von Widerstand und Einengung.

Es ist durchaus möglich, dass einem Gedanken ein authentischer Impuls zu Grunde liegt und dieser dann durch das Festhalten-Wollen zerstört und pervertiert wird. Es kommt ebenso vor, dass der Impuls selbst schon aus dem Ego kommt, etwa wenn ich meine etwas machen zu müssen was andere Menschen mir aufzwingen wollen. Hier ist Zuhören wichtig. Worauf ich meine Ohren richte sind nicht die Gedanken, sondern die Impulse der Lebenskraft. Nötig ist dann sie nicht nur zu beobachten sondern ihnen auch zu folgen.

Diese Impulse können nichts mit irgendwelchen Absichten und Vorsätzen zu tun haben. Es kann hier keinen Besitz, kein Festhalten, keine Selbstverbesserung und kein Haben geben. Das Ego kann hier nur nachgeben, seine Regeln und Werte sind bedeutungslos und schädlich.